Text zur Einstimmung auf die Gespräche am 6. 10. und 27. 11. 2008

Kommerzialisierung, Individualisierung, materialistische Lebensdeutung (mehr-weniger bewusste naturwissenschaftliche Informationen) verändern kulturelle Traditionen und den persönlichen religiösen Orientierungsrahmen. Die Reaktionen der Menschen auf diese verändernden Einflüsse könnte man pauschalierend in vier Grundrichtungen/Position darstellen, die sich aber in sich und ineinander noch weit differenzieren:

  • eine fundamentalistische Position, die kategorisch an Wahrheiten, Regeln als zeitlos, allein richtig festhält und ihre Anerkennung von allen fordert
  • eine offene Position, in der sich Menschen noch in traditionellen Werten geborgen fühlen, die Auseinandersetzung mit neuen Informationen scheuen, bzw. sie nur insoweit akzeptieren, als sie in ihre traditionelle Welt integrierbar scheinen
  • eine Position, in der Menschen offen sind für eine substantielle Veränderung ihrer Sichtweise und Einstellung (eine Deutung ihres eigenen Weges und der Welt aus neuen Erfahrungen, mit neuen Bildern), wobei traditionelle Werte eine neue Bedeutung erhalten, nicht als wertlos abgetan oder bekämpft werden
  • eine Beschränkung auf die rein materialistische Deutung der Welt und des Daseins

Die nachfolgenden Statements und Fragen sind als Anregung zu den Gesprächen am 06. 10. und 27.11. gedacht.

Reduktionistische und ganzheitliche, - zwei sich ergänzende naturwissenschaftliche Betrachtungsweisen: was bedeutet die ganzheitliche Betrachtungsweise für die Verständigung zwischen Naturwissenschaft und den kulturellen/religiösen Traditionen?
Die Naturwissenschaft spricht nicht vom Wesen der Dinge, sondern von erfahrbaren, beweisbaren Wirkungszusammenhängen. In der Analyse subatomarer Strukturen zeigen die Materiepartikel wellen- und teilchenähnliche Eigenschaften; ihr Verhalten lässt sich nicht mehr nach physikalischen Gesetzen berechnen, sie bewegen sich in kollektiven Zuständen.
Nach neuen Betrachtungsansätzen strukturiert sich „tote“ Materie wie lebende Materie, in ganzheitlichen Wechselwirkungen. Materie ohne Beziehung zu Materie ist nicht denkbar. Wir Menschen sind Bestandteil eines großen, sich immer wieder verändernden Ganzen.

Gibt es Bewusstsein nur in den höher entwickelten Lebewesen oder sogar im gesamten Kosmos? Liegt der materiellen Gestalt des Universums eine nicht-materielle Wirklichkeit zugrunde?
Woher nimmt die Materie den Impuls zur Weiterentwicklung?
Aus reduktionistischer Sicht beruhen rationale und emotionale Aktionen auf Prozessen im Gehirn bzw. in ihrer materiellen Grundlage. Wie ist aus rein biologischen Funktionen ein nichtmaterieller Geist entstanden? Wird ein materielles Substrat aus Fleisch und Blut sich seiner selbst bewusst?
Ein anderer Betrachtungsansatz ist, dass sich Materie und Bewusstsein gemeinsam entwickeln, aus einfachen Strukturen entwickeln sich immer komplexere....komplexere Organismen haben komplexeres Bewusstsein

Wie wirkt sich eine veränderte Sicht der Naturzusammenhänge auf unser Weltbild und unsere religiöse Orientierung aus („Gottesbild“)? . Aus dem Innenraum der Welt suchen wir Gott – soweit wir nicht an einer davon unabhängigen Selbstoffenbarung Gottes aus dem Jenseits festhalten. Glaube als das Erleben, Erfahren, Wahrnehmen, Annehmen der Einheit alles Erfahrbaren, Vertrauen in den unerfassbaren Grund aller Wirklichkeit und als Ausdruck davon die Hinwendung zum Mitmenschen, Akzeptanz des Mitmenschen. Dieser Glaube drückt sich in der Form der Begegnung, nicht in objektivem Wissen aus.